Ein historischer Paradigmenwechsel hat die europäische Patentlandschaft erfasst. Am 2. Juni 2026 wurde das Patentmediations- und Schiedszentrum (PMAC: Patent Mediation and Arbitration Centre) des Einheitlichen Patentgerichts (EPG / UPC) in Ljubljana, Slowenien, offiziell eingeweiht und hat seine vollumfängliche operative Tätigkeit aufgenommen.
Dieser mit Spannung erwartete Start folgt auf die formelle Annahme der Verfahrensordnung am 24. April 2026 sowie die Einführung des dezidierten Case Management Systems (CMS) am 12. Mai 2026. Nach minutiösen Vorbereitungen ist die Institution nun live.
Dieser Artikel bietet eine fundierte Analyse auf dem aktuellen Stand von 2026, warum das PMAC unter dem Dach des EPG ins Leben gerufen wurde, welche zentralen Funktionen es erfüllt, wie es die Zukunft von IP-Streitigkeiten beeinflussen wird und welche praktischen Aspekte Inhaber von standardessentiellen Patenten (SEPs) sowie Implementierer zwingend beachten müssen.

1. Warum wurde das PMAC gerade jetzt unter dem EPG errichtet? (Hintergrund und Motive)
Europäische Patentstreitigkeiten—insbesondere grenzüberschreitende Verfahren mit komplexen multinationalen Verflechtungen oder Streitigkeiten über SEPs im Bereich von Telekommunikationsstandards wie 5G und Wi-Fi—waren traditionell durch exorbitante Prozesskosten und jahrelange Verfahrensdauern geprägt.
Obwohl die Schaffung des Einheitlichen Patentgerichts (EPG) eine Zentralisierung von Klagen in ganz Europa ermöglichte, bleibt das gerichtliche Verfahren naturgemäß streng reglementiert. Bis zu einem Urteil der ersten Instanz vergehen in der Regel 12 bis 14 Monate. Da Gerichtsverfahren zudem grundsätzlich öffentlich sind, besteht für Unternehmen stets das Risiko, dass Geschäftsgeheimnisse sowie sensible wirtschaftliche Details laufender Lizenzverhandlungen offengelegt werden müssen.
Vor diesem Hintergrund wurde das PMAC offiziell gestartet, um drei wesentliche Marktanforderungen zu erfüllen:
- Senkung der Prozesskosten und beschleunigte Erledigung: Das Zentrum bietet eine flexible Alternative zum klassischen Gerichtsverfahren, die darauf ausgelegt ist, eine zügige Einigung innerhalb weniger Monate zu erzielen.
- Gewährleistung absoluter Vertraulichkeit: Die Verfahren sind vollständig nicht-öffentlich. Dies erlaubt es den Parteien, einvernehmliche Lösungen zu prüfen, ohne Verhandlungsdetails Wettbewerbern oder dem Markt preiszugeben.
- Globale Konfliktlösung jenseits gerichtlicher Zuständigkeiten: Während Gerichte an das Territorialitätsprinzip gebunden sind und nur über nationale Patentbündel entscheiden können, ermöglichen es die Verfahren der alternativen Streitbeilegung (ADR) des PMAC, globale Lizenzstreitigkeiten durch eine einzige, umfassende Vereinbarung beizulegen—vorausgesetzt, die Parteien stimmen dem zu.
2. Konkrete Aufgaben und Dienstleistungen des PMAC
Das PMAC operiert von zwei Hauptsitzen aus—Ljubljana (Slowenien) und Lissabon (Portugal)—und steht unter der Leitung seines ersten Direktors, Aleš Zalar. Das Zentrum ist keine reine Beratungsstelle, sondern ein voll ausgestatteter ADR-Hub mit starker rechtlicher und institutioneller Verankerung:
- Vielfältige ADR-Mechanismen: Neben klassischer Mediation und Schiedsverfahren (Arbitration) bietet das Zentrum hybride Verfahren (wie Med-Arb) sowie Schiedsgutachten (Expert Determination) an, bei denen unabhängige Experten technische oder rechtliche Einschätzungen abgeben.
- Starke Vollstreckbarkeit: Im Rahmen einer PMAC-Mediation erzielte Vergleiche können dem EPG zur Bestätigung (Confirmation) vorgelegt werden. Nach der Bestätigung besitzen sie in allen teilnehmenden EPG-Mitgliedstaaten dieselbe Vollstreckbarkeit wie ein rechtskräftiges Gerichtsurteil. Zudem sind Schiedssprüche weltweit in über 170 Ländern nach dem New Yorker Übereinkommen vollstreckbar.
- Mehrsprachige Verfahren: Die Verfahren können in den Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch geführt werden, was global agierenden Unternehmen innerhalb und außerhalb Europas den Zugang erheblich erleichtert.
Der entscheidende strategische Vorteil (USP) des PMAC liegt jedoch darin, dass es über spezielle FRAND-Bestimmungen (FRAND provisions) verfügt, die exakt auf SEP/FRAND-Streitigkeiten zugeschnitten sind. Damit wurde ein institutionalisierter Rahmen geschaffen, um komplexe IP-Verhandlungen—einschließlich der Festsetzung globaler Lizenzgebührensätze—fachspezifisch zu leiten.
3. Wie das PMAC die Zukunft von Patentstreitigkeiten verändern wird
Die Operationalisierung des PMAC wird die Taktik bei Patentstreitigkeiten in Europa und auf globaler Ebene grundlegend verändern.
① Verbreitung paralleler „Hybrid-Strategien“ aus Prozess und ADR
Der bemerkenswerteste taktische Wandel betrifft das gleichzeitige Betreiben von Hauptsacheverfahren vor dem EPG (Verletzungs- und Nichtigkeitsklagen) und Mediations- oder Schiedsverfahren vor dem PMAC. So können Parteien technische und rechtliche Fragen—wie Patentverletzung und Rechtsbestand—vor dem EPG-Gericht ausfechten, während sie im Hintergrund das vertrauliche PMAC-Verfahren nutzen, um eine vernünftige Einigung über konkrete FRAND-Lizenzgebühren und Zahlungsmodalitäten zu erzielen.
② Frühzeitige Abwendung von Unterlassungsrisiken
Um die gravierenden wirtschaftlichen Folgen einer weitreichenden, paneuropäischen Unterlassungsverfügung des EPG zu vermeiden, dürften Implementierer vermehrt proaktiv eine Mediation beim PMAC beantragen. Dies sichert ein prozessuales Auffangnetz und ermöglicht das Streben nach einem Vergleich, bevor es zu kritischen operativen Behinderungen kommt.
4. Praktische Handlungsempfehlungen für SEP-Inhaber und Implementierer
Durch die Verbreitung von 5G, IoT, Connected Cars und Videocodecs der nächsten Generation (wie HEVC/VVC) verschärfen sich SEP-Streitigkeiten kontinuierlich. Angesichts des Starts des PMAC müssen beide Seiten ihre Strategien anpassen.
4-1. Strategische Erwägungen für SEP-Inhaber (Patentinhaber)
- Nachweis der Verhandlungsbereitschaft in „Good Faith“: Dem Implementierer ein PMAC-Verfahren vorzuschlagen, gilt als starkes Indiz dafür, dass der Patentinhaber seine FRAND-Zusage einhält und bona fide verhandelt. Dies lässt sich vor Gericht vorteilhaft nutzen und ist ein probates Mittel, um blockierende Lizenzsucher (Hold-outs) zu identifizieren.
- Beschleunigter Erhalt von Lizenzgebühren: Ein PMAC-Schiedsverfahren strebt einen finalen Schiedsspruch (Award) innerhalb von neun Monaten an. Dies bietet einen planbaren Weg zur Sicherung von Lizenzeinnahmen, ohne die finanziellen Ressourcen in jahrelangen Gerichtsschlachten aufzureiben.
- Prozessualer Vorbehalt: Da PMAC-Verfahren streng vertraulich sind, können Patentinhaber keine öffentliche Signalwirkung oder Präzedenzfälle erzielen, um andere Marktteilnehmer abzuschrecken.
4-2. Strategische Erwägungen für Implementierer (Lizenznehmer/Hersteller)
- Vermeidung des Risikos, als verhandlungsunwillig („Unwilling“) eingestuft zu werden: Die europäische Rechtsprechung (z. B. Sisvel ./. Haier in Deutschland) und globale Präzedenzfälle legen großen Wert darauf, ob ein Implementierer als „williger Lizenznehmer“ agiert, wenn es um die Gewährung von Unterlassungsansprüchen geht. Das Angebot eines PMAC-Verfahrens ohne rationalen Grund abzulehnen, birgt das erhebliche Risiko, als „unwillig“ eingestuft zu werden, was eine sofortige Unterlassungsverfügung des EPG nach sich ziehen kann. Unternehmensrechtsabteilungen müssen klare Leitfäden (Playbooks) bereithalten, um konstruktiv zu reagieren, wenn ein Richter die Nutzung von ADR anregt.
- Plattform für die Verhandlung globaler Portfolios: Im Gegensatz zum EPG, das an territoriale Grenzen gebunden ist, bietet das PMAC den Parteien die Möglichkeit, einvernehmlich einen einheitlichen, weltweiten FRAND-Satz zu bestimmen—einschließlich Patenten in Nicht-EPG-Staaten wie den USA, Großbritannien oder China—und zwar in einem geschützten, vertraulichen Rahmen. Dies verhindert das Risiko von Royalty-Stacking und sichert eine kalkulierbare Kostenstruktur.
5. Fazit: Die strategische Notwendigkeit des PMAC ab 2026
Das am 2. Juni 2026 offiziell eröffnete PMAC ist weit mehr als eine bloße Annex-Institution des Gerichts; es besitzt das Potenzial, sich zum zentralen Schauplatz globaler FRAND- und SEP-Streitigkeiten zu entwickeln.
Gerade weil das EPG über scharfe prozessuale Instrumente (die Drohung paneuropäischer Unterlassungstitel) verfügt, gewinnt das PMAC als Mediations- und Schiedsforum massiv an strategischem Gewicht. Für alle Unternehmen, die auf dem europäischen Markt agieren, ist es ab sofort unerlässlich, das PMAC als feste Option zur Risikosteuerung in ihre IP-Strategie zu integrieren.
Referenzliste
Zur Gewährleistung der fachlichen Präzision stützt sich dieser Artikel auf offizielle Bekanntmachungen sowie spezialisierte Berichte von Rechtsinstitutionen, die zwischen Mai und Juni 2026 veröffentlicht wurden:
- Einheitliches Patentgericht (EPG / UPC) Offizielle Website – PMAC-Übersicht URL: https://www.unifiedpatentcourt.org/en/court/patent-mediation-and-arbitration-centre Beschreibung: Offizielle Informationsseite zur Organisationsstruktur, den Sitzen (Ljubljana und Lissabon) sowie der Verfahrensordnung des Patentmediations- und Schiedszentrums.
- EPLAW (European Patent Lawyers Association) Offizielle Mitteilung (2. Juni 2026) URL: https://www.eplaw.org/blog/detail/upc-patent-mediation-and-arbitration-centre-officially-inaugurated/ Beschreibung: Aktuelle Berichterstattung über die offizielle Eröffnungszeremonie des PMAC in Ljubljana unter besonderer Berücksichtigung des SEP/FRAND-Rahmenwerks.
- Hoffmann Eitle IP-News (13. Mai 2026) URL: https://www.hoffmanneitle.com/en/news/2026-05-13-launch-upc-pmac Beschreibung: Fachkommentar zur Annahme der Verfahrensordnung im April 2026, der Inbetriebnahme des Case Management Systems (CMS) im Mai und den Phasen der Service-Einführung.
- Boult Bulletin Rechtsreport (26. Mai 2026) URL: https://www.boult.com/bulletin/the-launch-of-the-upcs-pmac-a-new-route-for-resolving-patent-disputes/ Beschreibung: Praxisorientierte Analyse der Vorteile hinsichtlich Geschwindigkeit und Vertraulichkeit des PMAC sowie des strategischen Potenzials paralleler Hybrid-Verfahren.
- DLA Piper – Insights (PMAC-Grundlagen und Vorteile) URL: https://www.dlapiper.com/insights/publications/2025/07/fast-and-confidential-patent-dispute-resolution-under-the-upc Beschreibung: Rechtlicher Hintergrund zur Rechtsnatur von Mediation und Schiedsverfahren unter dem PMAC und deren Vollstreckbarkeit im EPG-System.
Dieser Text wurde von einem Large Language Model (LLM) übersetzt.
